Montag, 19. März 2012

Deichkind im Zenith



Was sich da wieder für ein herrliches Wortspiel anbietet. Deichkind im Zenith. Deichkind im Zenit ihres Schaffens? Ist Deichkind schon am Limit? Haben sie ihren Zenith schon überschritten? Oder habe ich den Zenit meines Deichkind-Hörens eigentlich schon 2008, nach dem kongenialen "Aufstand im Schlaraffenland" überschritten? Kann gut möglich sein! Damals wollte ich nämlich UNBEDINGT auf das Konzert, allein es war ausverkauft.

Diesmal habe ich es geschafft, ich stehe im Münchner Zenith, einer etwas heruntergekommenen Halle in München-Freimann. Das ist eigentlich gar nicht mehr richtig München, heißt aber trotzdem so. Wie dem auch sei, ich observiere den gemeinen Deichkind-Fan. Fan Nr.1 kennt Deichkind schon mindestens seit "Bon Voyage", ist Mitte 30 und hat sich ein schwachsinniges Kostüm gebastelt, meist aus Müllsäcken, gerne mit überdimensionalen Penissen aus Alufolie verziert. Süß. Fan Nr. 2 kennt Deichkind seit "Remmidemmi", ist Anfang 20 und hat sich ein schwachsinniges Kostüm gebastelt, meist aus Müllsäcken, und trägt dazu Schirmkappen oder Tetraederhüte aus Leuchtstäben. Ich bin neidisch. Fan Nr. 3 ist jenseits der 50 und ich frage mich, was der hier macht. Deichkind-Fans sind viele. Langsam beschleicht mich das Gefühl, das hier ist gar kein Konzert, sondern eine Mischung aus Wiesn, Fußballspiel und einer Schlacht à la Braveheart.

Statt Vorband gibt es eine Playlist, auf der sich erheblich viele von meinen persönlichen Favoriten tummeln, und ich staune mal wieder darüber, wie sehr die (Sub?)Kultur die Freakshow zum Thema ihrer Videos gemacht hat. Egal, ob da jetzt das neue Video von Die Antwoord (Insassen einer Irrenanstalt?) läuft oder "Bad Girls" von M.I.A (Verschleierte Frauen in weißen BMWs) oder Dr. Octogon (Aliens aus einem B-Movie). Fehlen eigentlich nur noch Typen in Müllsäcken mit überdimensionierten Penissen. Die Show geht los, die Typen mit den Penissen stürmen an mir vorbei nach ganz vorne. Die Menge tobt, die Menge pogt - was war nochmal das erste Lied? Irgendwas vom neuen Album. Ich springe, ich sehe nichts, aber das ist ja auch egal, denn jeder weiß, dass Deichkind Kostüme mit Tetraedern auf dem Kopf tragen, die wild blinken. Dass sie die Zitze irgendwann auspacken. Deichkind haben ihre Show neu konzipiert, hatte ich vor dem Konzert gelesen. Doch auf der Bühne waren wieder die Tetraeder, hinter der Bühne wieder die Zitze, und das Schlauchboot fuhr zu "Hoovercraft" über die Menge.So ist es wieder, und nach 45 Minuten ist es vorbei. Ich.Will. Raus.

Zugabe? Eher Halbzeit, denn jetzt geht es erst richtig los, jetzt geht es erst richtig ab, jetzt kommt "Rolle mit HipHop", "Bon Voyage", "Roll das Fass rein", "Prost". Um es in Facebook-Sprache zu sagen: Gefällt mir. Ich gebe es zu, ich bin einer dieser "Bon Voyage"-Fans. Ich rolle mit Hip Hop. Ich liebe "Aufstand im Schlaraffenland" immer noch abgöttisch. Interessant, wie viel ein Konzertbesuch mir manchmal über mich selbst verrät. Eine ganze demographische Studie könnte das hier werden. Vielleicht sollte ich es mit dem ein oder anderen Fan halten: Nicht so viel denken, mehr trinken. "Hört ihr die Singale?"

Dann spielen Deichkind zum krönenden Abschluss "Remmidemmi", der Hit, bei dem man immer das Gefühl hat, man hätte den Beat selbst mal auf einem Keyboard dahinklimpern können. Hat man aber nicht. Weil man es nicht kann. Zumindest nicht so genial. Und genau das ist die Kunst von Deichkind, etwas, was ihnen auf ihrem neuen Album "Befehl von ganz unten" ein klein bisschen abgeht und ihnen auch schon auf "Arbeit nervt" irgendwie fehlte: Diese geniale Leichtigkeit. Intelligente, hintergründige Texte, die vordergründig simpel rüberkommen, und Beats, die wie eben mal schnell hingekloppt wirken. "2012 sehen wir uns auf dem Olymp." Höher geht es nicht mehr.

Nach dem Konzert: Verstörte Fans mit blauen Augen vom Pogo-Dance. Stinkender, beißender Männerschweiß. Verschüttetes Bier. Die Schlacht ist vorbei. Hurra, wir leben noch! Vielleicht sind Deichkind auch gar nicht am Limit - vielleicht bin ich es nach diesem Konzert auch einfach.

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